Das Schwierige an einer hellhörigen Wohnung ist, dass der Nachbar gar nichts Besonderes machen muss.
Schublade zu. Stuhl rücken. Telefonieren. Wasser laufen lassen.
Man hört sehr viel und kann gleichzeitig niemandem vernünftig vorwerfen, in seiner Wohnung zu leben.
Eine Wohnung kann jahrelang völlig ruhig wirken, wenn man werktags von acht bis achtzehn Uhr nie dort ist.
Dann kommt Homeoffice und plötzlich kennt man Staubsaugerplan, Mittagspause und Telefonstimme der halben Etage.
Vielleicht hat sich das Haus gar nicht verändert. Man ist nur zum ersten Mal da, wenn es lebt.
In einem hellhörigen Haus würde ich lieber einmal normal mit dem Nachbarn sprechen als monatelang jedes Geräusch persönlich nehmen.
Vielleicht weiß die Person oben gar nicht, dass der Schreibtischstuhl unten klingt wie Möbeltransport.
Manches lässt sich nicht komplett leise machen. Aber man kann zumindest wissen, was beim anderen ankommt.
Bei einer 15-minütigen Wohnungsbesichtigung kann eine hellhörige Wohnung vollkommen ruhig wirken.
Der Nachbar ist arbeiten, die Kinder in der Schule und oben läuft gerade keine Waschmaschine.
Man prüft Fenster, Küche und Bad. Wie sich das Haus um 20 Uhr anhört, steht leider in keinem Exposé.
Der Nachbar macht nichts Ungewöhnliches. Er steht nur um fünf auf, während man selbst bis acht schlafen möchte. In einer hellhörigen Wohnung können zwei völlig normale Tagesrhythmen miteinander kollidieren, ohne dass einer davon objektiv zu laut leben muss.
Anmelden, um einen Eintrag zu schreiben.