Wenn man sich über jede zweite abgesagte Verabredung freut, liegt das vielleicht nicht unbedingt an den Menschen.
Vielleicht war der Kalender vorher einfach schon zu voll.
Erleichterung kann manchmal weniger über das Treffen sagen als über alles, was in derselben Woche sonst noch drinsteht.
Eine Einladung abzulehnen fühlt sich im eigenen Kopf schnell nach größerer sozialer Katastrophe an, als sie tatsächlich ist. Studien dazu zeigen, dass Eingeladene häufig überschätzen, wie enttäuscht oder verletzt die einladende Person über ein Nein sein wird. Vielleicht ist ein ehrliches Nein gelegentlich weniger dramatisch als das dreitägige schlechte Gewissen davor.
Ich hatte letzte Woche überhaupt keine Lust auf ein Treffen und bin trotzdem hingegangen.
Zehn Minuten nachdem ich da war, war alles okay.
Zwei Tage später hatte ich wieder keine Lust auf einen anderen Termin, habe abgesagt und war den ganzen Abend froh darüber.
Leider gibt es dafür offenbar keine zuverlässige Regel.
Ein abgesagtes Treffen sagt wenig. Drei abgesagte Treffen ebenfalls, wenn danach neue Vorschläge kommen. Wenn dagegen jedes Treffen abgesagt wird und nie ein eigener Termin zurückkommt, verändert sich irgendwann nicht die Statistik, sondern die Botschaft.
Ein Treffen drei Tage vorher abzusagen lässt der anderen Person einen freien Abend.
Zwanzig Minuten vorher abzusagen lässt ihr häufig nur einen bereits vorbereiteten freien Abend.
Dasselbe „ich schaffe es heute nicht“ kann je nach Zeitpunkt ziemlich unterschiedlich ankommen.
Bei acht Leuten zum Grillen fehlt nach einer Absage eine Person. Bei „wir beide gehen essen“ verschwindet nach derselben Absage der komplette Plan. Vielleicht erklärt das, warum identische Nachrichten je nach Verabredung sehr unterschiedlich schwer wiegen.
Wenn ich jemanden wirklich sehen möchte, aber den vorgeschlagenen Abend nicht schaffe, versuche ich direkt etwas Neues vorzuschlagen. „Freitag geht nicht, aber Dienstag?“ fühlt sich für mich völlig anders an als ein fünftes „diesmal leider nicht“.
Wenn für mich schon ein Ticket gekauft oder eine nicht stornierbare Reservierung gemacht wurde, würde ich bei einer Absage meinen Anteil trotzdem übernehmen. Nicht als Strafe fürs Zuhausebleiben. Die andere Person sollte nur nicht zusätzlich dafür bezahlen, dass mein Plan sich geändert hat.
Keine Lust auf ein Treffen zu haben bedeutet nicht automatisch, keine Lust auf die Person zu haben.
Man kann jemanden sehr gern mögen und an einem Mittwochabend trotzdem hauptsächlich eine Dusche, Essen und Ruhe wollen.
Freundschaft und Tagesenergie sind zwei verschiedene Messwerte.
Es gibt kaum ein ehrlicheres Glück als:
„Sorry, ich schaffe es heute doch nicht.“
und man antwortet „kein Problem :)“, während man innerlich schon die Jogginghose anzieht.
Besonders schön, wenn wahrscheinlich beide erleichtert sind.
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