Bei meiner letzten Wohnung stand die Besichtigung für 17 Uhr drin.
Ich war um 16:55 da und dachte kurz, vor dem Haus wäre irgendwas passiert. Ungefähr 25 Leute vor der Tür.
Dann ging die Tür auf und wir sind tatsächlich alle wegen derselben Zweizimmerwohnung gekommen.
Nach fünf Minuten drin wusste ich kaum noch, ob mir die Wohnung gefällt. Ich wollte hauptsächlich wissen, wie man zwischen 25 anderen Menschen irgendwie wie ein normaler zukünftiger Mieter aussieht.
Das unangenehmste an Massenbesichtigungen finde ich nicht mal die Konkurrenz.
Es ist dieses gleichzeitige So-tun-als-wäre-keine-Konkurrenz.
Alle stehen freundlich im Wohnzimmer, schauen sich die Fenster an und versuchen nebenbei herauszufinden, ob das Paar neben ihnen wahrscheinlich mehr verdient.
Sehr entspannte Atmosphäre.
Ich habe einmal nach vielleicht drei Minuten Besichtigung direkt eine Mappe mit Schufa, Gehaltsnachweisen und allem abgegeben.
Auf dem Heimweg fand ich es absurd, wie selbstverständlich sich das angefühlt hat.
Ich wusste noch nicht mal, ob nachts die Straßenbahn vorm Schlafzimmer vorbeifährt, aber der Vermieter wusste schon ungefähr alles über meine finanzielle Situation.
Bei einer Besichtigung waren so viele Leute da, dass ich die Küche erst gesehen habe, als die ersten schon wieder gegangen sind.
Ich habe danach trotzdem eine Bewerbung geschickt.
Zwei Tage später kam die Absage und mein erster Gedanke war nicht mal Enttäuschung, sondern: fair, ich hätte mich aus dieser Menge auch nicht ausgewählt.
Wohnungssuche macht einen irgendwann erstaunlich bescheiden.
Bei einer Besichtigung mit dreißig Leuten klingt „Haben Sie noch Fragen?“ fast theoretisch.
Während man noch überlegt, ob man nach Nebenkosten, Keller oder Lärm fragen möchte, steht schon die nächste Person im Türrahmen und zehn weitere wollen ins Bad.
Eine Wohnung anzuschauen und eine Wohnung wirklich zu prüfen sind zwei verschiedene Geschwindigkeiten.
Bei stark umkämpften Wohnungen würde ich meine Unterlagen inzwischen vorher ordentlich vorbereiten.
Nicht damit ich sie blind abgebe, bevor ich die Wohnung gesehen habe.
Sondern damit zwischen „die Wohnung passt“ und „ich möchte mich bewerben“ nicht erst abends zu Hause die Suche nach fünf PDFs beginnt.
Massenbesichtigungen sind für Interessenten ziemlich unangenehm.
Aus Vermietersicht gibt es aber ebenfalls ein Planungsproblem: Nicht jede eingeladene Person erscheint tatsächlich.
Das macht dreißig Menschen im Wohnzimmer nicht schöner. Es erklärt nur teilweise, warum manche Termine lieber zu groß als zu leer geplant werden.
Wenn für die Besichtigung nur wenige Minuten bleiben, kann man unmöglich jedes Detail prüfen.
Dann werden Dinge wie Raumaufteilung, Fenster, sichtbare Schäden und der allgemeine Eindruck plötzlich wichtiger als die Frage, ob jede Steckdose ideal sitzt.
Wohnungssuche wird unter Zeitdruck zur Prioritätenliste.
Wohnung fünf Minuten gesehen.
Bad kurz erreicht.
Keller nicht gefunden.
Straße kaum angeschaut.
„Haben Sie Interesse?“
Entscheidungshorizont: vielleicht die nächsten fünf Jahre.
Bei einer vollen Wohnungsbesichtigung konzentriert sich alles auf die fünfzig Quadratmeter hinter der Wohnungstür.
Die Straße, der Weg zum Bahnhof, Supermarkt, Verkehr und das Haus selbst lassen sich deutlich entspannter davor oder danach anschauen.
Die Wohnung dauert vielleicht zehn Minuten. Die Umgebung bleibt jeden Tag da.
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