Ein angespannter Wohnungsmarkt verändert erstaunlich schnell, was plötzlich „normal“ wirkt. Geld überweisen, bevor man die Wohnung überhaupt gesehen hat, sollte trotzdem kein gewöhnlicher Schritt zur Besichtigung werden. Konkurrenzdruck ist kein Ersatz für gesunden Betrugsverdacht.
Bei stark umkämpften Wohnungen würde ich meine Unterlagen inzwischen vorher ordentlich vorbereiten.
Nicht damit ich sie blind abgebe, bevor ich die Wohnung gesehen habe.
Sondern damit zwischen „die Wohnung passt“ und „ich möchte mich bewerben“ nicht erst abends zu Hause die Suche nach fünf PDFs beginnt.
Wenn mir eine Wohnung wirklich wichtig wäre, würde ich die Straße gern noch einmal zu einer anderen Uhrzeit sehen. Dienstag um 14 Uhr kann ruhig wirken und Freitag um 23 Uhr komplett anders. Die eigentliche Besichtigung ist kurz; die Umgebung bekommt man später jeden Tag mit.
Bei einer Massenbesichtigung fühlt es sich schnell normal an, direkt den kompletten finanziellen Lebenslauf auf den Tisch zu legen. Datenschutzrechtlich gibt es aber verschiedene Phasen des Auswahlprozesses. Einkommens- und Bonitätsnachweise werden besonders relevant, wenn es konkret Richtung Mietvertrag geht – nicht automatisch für jeden Menschen, der einmal zehn Minuten durch die Wohnung läuft.
Wenn ich mehrere Wohnungen in kurzer Zeit anschauen würde, würde ich direkt danach fünf Stichpunkte ins Handy schreiben.
Licht gut. Schlafzimmer laut. Küche klein. Keller vorhanden. Bad okay.
Nach der dritten Besichtigung sieht sonst erstaunlich schnell jede weiße Zweizimmerwohnung im Kopf gleich aus.
Wenn für eine Wohnung sehr viele Bewerbungen eingehen, muss das Anschreiben wahrscheinlich keinen Lebenslauf als Roman ersetzen.
Wer zieht ein, was wird beruflich gemacht, warum passt die Wohnung und sind die Unterlagen vollständig?
Ein kurzer Text kann persönlicher sein als drei Absätze mit „zuverlässig, ruhig und ordentlich“.
Bei zehn Minuten Besichtigung schaut jeder zuerst Küche, Bad und Schlafzimmer an. Drei Wochen nach dem Einzug wird plötzlich interessant, wo eigentlich das Fahrrad stehen darf, wie groß das Kellerabteil ist und wo der Müll hinmuss. Wohnungen bestehen erstaunlich oft aus Räumen, die nicht zur Wohnungstür gehören.
Bei einer Besichtigung mit dreißig Leuten klingt „Haben Sie noch Fragen?“ fast theoretisch.
Während man noch überlegt, ob man nach Nebenkosten, Keller oder Lärm fragen möchte, steht schon die nächste Person im Türrahmen und zehn weitere wollen ins Bad.
Eine Wohnung anzuschauen und eine Wohnung wirklich zu prüfen sind zwei verschiedene Geschwindigkeiten.
Massenbesichtigungen sind für Interessenten ziemlich unangenehm.
Aus Vermietersicht gibt es aber ebenfalls ein Planungsproblem: Nicht jede eingeladene Person erscheint tatsächlich.
Das macht dreißig Menschen im Wohnzimmer nicht schöner. Es erklärt nur teilweise, warum manche Termine lieber zu groß als zu leer geplant werden.
Das unangenehmste an Massenbesichtigungen finde ich nicht mal die Konkurrenz.
Es ist dieses gleichzeitige So-tun-als-wäre-keine-Konkurrenz.
Alle stehen freundlich im Wohnzimmer, schauen sich die Fenster an und versuchen nebenbei herauszufinden, ob das Paar neben ihnen wahrscheinlich mehr verdient.
Sehr entspannte Atmosphäre.
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